Pharma-Streit auf der Handelsblatt-Tagung: Ist Europas Arzneiversorgung in Gefahr?

Herlinde Jungfer
Herlinde Jungfer
3 Min.
Ein Plakat mit Text über Preisunterschiede von Arzneimitteln im Jahr 2022, darunter ein paar Flaschen und eine Spritze.Herlinde Jungfer

Pharma-Streit auf der Handelsblatt-Tagung: Ist Europas Arzneiversorgung in Gefahr?

Scharfe Debatte auf der Handelsblatt-Jahrestagung: Pharmaindustrie und Krankenkassen streiten über Europas Arzneimittelversorgung

Auf der diesjährigen Handelsblatt-Konferenz entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen Vertretern der Pharmabranche und Gesundheitsversicherern über die Verwundbarkeiten der europäischen Arzneimittellieferketten. Beide Seiten gingen in der Frage weit auseinander, ob die aktuellen Lagerbestände und Handelspolitiken ausreichen, um die langfristige Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Im Mittelpunkt standen die anhaltenden Spannungen zwischen der Abhängigkeit von Importen aus Indien und der Notwendigkeit einer stärkeren heimischen Produktion.

Tim Steimle, Leiter des Pharmabereichs bei Deutschlands größter gesetzlicher Krankenkasse, der Techniker Krankenkasse (TK), betonte, dass das Regierungsziel, Vorräte für sechs Monate anzulegen, erreicht worden sei. Zudem habe man Rabattverträge in umfassendere Liefervereinbarungen umgewandelt – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln. Trotz dieser Fortschritte unterstützte Steimle das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als sinnvollen Schritt.

Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), widersprach jedoch der Auffassung, dass sechsmonatige Reserven ausreichen würden. Zwar habe die Pandemie die Transparenz verbessert, doch die Lieferketten Deutschlands seien nicht widerstandsfähiger geworden, so Inanc. Die einzige echte Lösung liege darin, die europäische Produktion auszubauen und die Abhängigkeit von globalen Transportrouten aus Indien zu verringern.

Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BPI), warnte vor Selbstzufriedenheit und verglich die Risiken der Arzneimittelversorgung in Europa mit der jüngsten Halbleiterkrise. Deutschland brauche mehr als kurzfristige Lagerbestände, betonte er, und bezeichnete Gesundheitspolitik als untrennbar mit Industrie- und Indien-Politik verbunden. Für Generika-Hersteller, die vor besonderen Herausforderungen stünden, ergebe die Bevorratung zudem wenig Sinn.

Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, kritisierte, dass man sich zu sehr auf Dialog verlasse, um strukturelle Probleme zu lösen. Das geplante Freihandelsabkommen mit Indien nannte er "absurd" – es möge zwar den Handel begünstigen, schwäche aber die Resilienz bei Generika. Weigold verwies darauf, dass Deutschland nach wie vor stark von Indien abhängig sei, insbesondere bei Wirkstoffen (APIs) für Antibiotika und Generika.

Seit der Pandemie hat sich die Nachfrage in der Pharmabranche normalisiert, was zwar einige Engpässe entschärft, aber auch die Kundenbestände reduziert hat. Um die Verwundbarkeiten zu verringern, führte Deutschland das Arzneimittel-Lieferketten-Beschleunigungsgesetz (ALBVVG) ein, das europäische Hersteller dazu anhalten soll, mit zuverlässigen Lieferanten zusammenzuarbeiten – statt auf eine vollständige "Rückverlagerung" der Produktion nach Indien zu setzen. Dennoch betonten Branchenvertreter die dringende Notwendigkeit von Investitionen, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern, während Krankenkassen solche Warnungen als übertrieben abtaten.

Die Konferenz offenbarten tiefe Gräben zwischen Versicherern und Pharmaführern darüber, wie Europas Arzneimittelversorgung gesichert werden kann. Zwar sind die Lagerbestände gewachsen und neue Gesetze zielen auf eine Diversifizierung der Bezugsquellen aus Indien ab, doch die Industrie fordert mehr Investitionen in die lokale Produktion, um langfristige Resilienz zu erreichen. Die Debatte machte zudem deutlich, dass die Sorge über die Abhängigkeit von Indien bei kritischen Medikamenten weiterhin besteht.

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